Literatur

Elementare Akkorde
Malerei von Ursula Jüngst
Mit Texten von Dieter Hoffmann, Ursula Jüngst, Annette Schavan,
Bert Schlichtenmaier. 112 Seiten, 57 Abbildungen, 24 x 28 cm,
Deutsch, Ganzleinen mit Schutzumschlag, Fadenheftung.

modo Verlag GmbH Freiburg i.Br.
ISBN 978-3-86833-182-0

Oktober 2015
Ursula Jüngst, die in Nürnberg und Barcelona tätig ist, hat einen innovativen Beitrag zur Gestaltkraft der Farben geleistet. Seit über dreißig Jahren erkundet die 1965 in Miltenberg geborene Künstlerin malerische Positionen. Ihre Gemälde sind Ausdruck des modernen Lebensgefühls der Gegenwart. Sie thematisieren Grundsätzliches und können als „Elementare Akkorde" verstanden werden.

Ihre Bilder erkennt man an ihrem Pinselstrich. Dieser ist in den vergangenen zehn Jahren zu einem Markenzeichen geworden. In einer Art Farbtanzbewegung lässt sich die experimentierfreudige Malerin auf den Prozess der Begegnung mit Farben ein, die ihr Träger von Empfindungen sind. Sie kommen flirrend, provokant oder zärtlich zum Einsatz. Sie mischen und ordnen sich zu einem fließenden Miteinander und verströmen eine belebende Wirkung.

2013 hat Ursula Jüngst die Auseinandersetzung mit dem großen Format wiederaufgegriffen. Charakteristisches Merkmal ist das „Mitten im Bild-Sein", das Mitgerissenwerden und das intensive Erleben des Farborchesters, das sinnlich greifbar und plastisch reliefhaft in den Raum hineinwirkt.

Die Publikation stellt nicht nur neue Arbeiten der Künstlerin vor, sie zeigt auch, wo sie entstanden sind und im Detail, wie die verschiedenen Farben aufeinander reagieren. Zwischen den Werken, den Aufsätzen und Interviews, mittels derer man sich dem OEuvre der Künstlerin nähern kann, finden sich Kommentare der Malerin zu ihren Bildern: „Die Zikade singt ihr Mittagslied. Schrill. Kobaltblau beißt Rot. Die Sonne ist grell und heiß. Die Zeit scheint stehengeblieben, der Moment unendlich."
Farbe mein Gesang
Museum.Burg.Miltenberg, 2014
ISBN 978-3-9816592-0-7

Atelierbesuch bei Ursula Jüngst

»Das Licht ist da, und die Farben umgeben uns; allein trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen Auge, so würden wir auch außer uns dergleichen nicht wahrnehmen.«
(Goethe im Gespräch mit Eckermann, 26. 2. 1824)

Im Nürnberger Stadtteil St. Johannis, im ruhigen Hinterhof einer Nebenstraße, liegt etwas versteckt das Atelier von Ursula Jüngst. Es befindet sich in der ehemaligen Bayerischen Metallwarenfabrik. Die großen, hohen, hellen Räume erhalten ihr Licht von Westen durch eine breite, die gesamte Längsseite einnehmende Fensterfront. Wenn die Sonne nachmittags tief steht, wird die Arbeit an den großen Gemälden schwieriger. Das orange Licht der Sonne macht die Wirkung der Farben extrem, das Gelb schreiend, das Rot feurig, so dass die Farben blass und mächtig zugleich wirken. Für Ursula Jüngst ist Farbe von elementarer Bedeutung. Um die spezifische Farbwirkung nicht zu gefährden, muss die künstlerische Arbeit unterbrochen werden. Kennt man ihren Arbeitsprozess, kann man dies nachvollziehen. Die bei erster und oberflächlicher Betrachtung willkürlich erscheinenden Pinselstriche sind tatsächlich kontrolliert und subtil auf den Bildträger aufgetragen. Die Bilder sind bis ins Letzte durchkomponiert. Oft trägt die Künstlerin die Farben mit starkem Pinselstrich mehrfach auf. Dadurch entsteht bisweilen der Eindruck, als seien ihre Werke gespachtelt. Die Oberfläche erhält Struktur und wirkt reliefartig. Bei Streiflicht heben sich einzelne Pinselstriche besonders hervor und steigern die Plastizität. Jedes Mal entsteht so ein neues, reizvoll optisches Spiel. Für ihre Arbeiten lässt sich die Malerin von verschiedenen Einflüssen inspirieren. Am Herzen liegen ihr dabei die Eindrücke, die sie in Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur gewinnt. Am wichtigsten ist ihr die Farbe. »Farbe als Gegenstand der Malerei ist das konstituierende Thema im Werk von Ursula Jüngst.« Deshalb haben wir für die Ausstellung im Museum.Burg.Miltenberg den Titel »Farbe mein Gesang« gewählt.

Hermann Neubert



Farbe mein Gesang

Auszüge aus Gesprächen zwischen Ursula Jüngst und Bert Schlichtenmaier

BS Kennzeichnend für die Malerei von Ursula Jüngst ist der Wille zum Bild. Eine mehrdimensionale Strahlkraft überrascht den Blick des Betrachters, lässt Ort und Zeit vergessen. Jede Farbe und jeder Pinselstrich wird einer eingehenden Prüfung unterzogen. Seit der Vorstellung der letzten Publikation »Farbe meine Sprache« hat sich ihre Malerei gesteigert. Gebündelte Energie entlädt sich in vitalen Pinselsetzungen und offenbart eine geladene Empfindungsfülle, die weltnahe Assoziationen zulässt. Farben kommen pastos und dynamisch, vibrierend oder zärtlich ruhend zum Einsatz. Sie mischen und durchdringen sich, ohne ihre Klarheit und Transparenz preiszugeben. Kühne Farbformen, unerklärliche Tiefenräume und pulsierende Setzungen verfeinern die atmende Farbkomposition. Einerseits schöpft sich die Malerei aus dem Kraftfeld der Kulturen, vermeidet allerdings jede Überlagerung von Symbolschichten, andererseits formt der Pinsel – wie ein Zauberstab – Farbklänge, Strukturen und Bewegungsspuren, die den Betrachter an dem Erlebten teilnehmen lassen und Bisheriges in Frage stellen.
UJ Wichtig für mich ist, nicht nur meine eigenen Empfindungen in einer Art von abstrakten Expressionismus zu fassen, sondern jeden Strich kontrolliert zu setzen oder zu überarbeiten, wenn er zu dünn oder unklar formuliert ist und sich der gesamten Wirkung nicht einfügt. An keiner Stelle gibt es einen identischen Farbauftrag. Meine Bildfläche wandelt sich zum Farbraum.
BS Den Beginn der künstlerischen Tätigkeit bestimmen gewebeartig verschlungene, mit wildem Pinselgestus vorgetragene Farbformgebilde, bei denen sich organisch Figuratives und Abstraktes noch verbindet. Heftige Gegensätze bestimmen das Bildgeviert. Mit großer Eindrücklichkeit begegnen wir Ordnung und Chaos, Hell und Dunkel, Licht und nächtlichem Schwarz, sowie Gewalt und Zuversicht. Obgleich die Arbeit nicht unmittelbar Gesetzen folgt, werden einzelne Bildelemente dennoch zu einer harmonischen Komposition zusammengefügt, deren spannungsvolles Gleichgewicht bei aller dynamisch fließenden Bewegung erhalten bleibt und eine belebende Wirkung verströmt. Die Malerei soll nur sinnlich mit den Augen wahrgenommen werden. Kann sie auch rational gefasst werden?
UJ Natürlich, sie kann durch die Schärfung des Bewusstseins auch geklärt werden. Dessen ungeachtet ist für mich Malerei ein dynamischer Prozess. Mich interessiert die Veränderung. Innen und Außen gehören zusammen. Mein Farbduktus ist auch mein Lebensrhythmus, meine Farben mein innerer sichtbar gewordener Gesang. Andererseits will ich meine eigenen Klaviaturen begreifen, dirigieren und sehen, wie ich jonglieren kann. Es ist wie Musik in mir, schöne, die ich allerdings nur in Farbe formen kann. Mein Wille ist, dass die Farben regelrecht zum Singen kommen.
Farbe meine Sprache
Kunstverein Offenburg e.V.
Offenburg, 2011
Farbe meine Sprache - Unendliche Impressionen

"Farbe als Gegenstand der Malerei ist das konstituierende Thema im Werk von Ursula Jüngst. In diesem Kontext entstanden ihre neuen Bilder durch kontrolliertes Neben- und Übereinandersetzen einer Vielzahl kräftiger, immer etwa gleich langer, gerader Pinselstriche - eine akribische Technik, die sie in den beiden letzten Jahren weiter ausgearbeitet hat. Mit intensiven kontrastreichen Farben modelliert sie so komplexe Farbfelder und Strukturen, die sich in der aktuellen Werkphase noch freier und konkreter als früher entwickeln. Dabei vermischen sich die Farben subtil, denn Spuren der bereits vermalten Farben blitzen aus den unteren Malschichten immer wieder hervor. Es entstehen riesige kontrastreiche abstrakte Farblandschaften aus einem umfassenden System einzelner Pinselstriche, die sich in Bewegungsspuren ausrichten und den Malprozess sichtbar machen. Die maximale Größe dieser Formate orientiert sich dabei am Aktionsradius der gestischen Bewegung beim Malen. Nachdem die Grundkomposition zunächst in farbigen Flächen angelegt ist, wird sie nach und nach durch die Kumulation einzelner Pinselstriche strukturiert. Mit impressionistischem Gestus setzt Ursula Jüngst additiv Strich neben Strich, Farbe neben Farbe und moduliert mit pastosem Farbauftrag in hundert- und tausendfacher Wiederholung changierende Farbfelder. Diese entwickelt sie harmonisch innerhalb einer Farbpalette von gelb nach rot, von grün nach blau, oder kontrastiert autonome Strukturen mit komplementärer Wirkung, hell-dunkel oder kalt-warm-Gegensätzen und unabhängigen Farbwerten..."


"Colour as the object of painting is the constituent subject in the works of Ursula Jüngst. Her latest works orinated in this context, a multitude of strong, nearly equally long, straight brushstrokes placed next or above each other in a controlled way - a meticulous technique that she elaborated during the last two years. With intensive colours, rich in contrast, she models complex colourfields and structures that look more free and concrete in her actual phase of work. The colours blend in a subtle way, because traces of the already painted colours flash up again and again from underneath the lower layers. With a comprehensive system of singular brushstrokes huge, abstract colourlandscapes rich in contrast come into being. They adjust to tracks of movement and make the process of painting visible. The maximal size of these pictures is guided by the circle of action of the gestical movement while painting. Coloured areas form the basic composition which is then structured by the cumulation of individual brushstrokes. With impressionistic gesture Ursula Jüngst adds stroke to stroke, colour to colour and models iridescent colourfields with thick application of paint that is being repeated a hundred of a thousand times. She develops these fields harmonically within a colour range from yellow to red, from green to blue or she contrasts autonomous structures with complementary effects, light-dark or cold-warm contrasts and independent colour values..."


"El color como objeto de la pintura es el tema constituyente de la obra de Ursula Jüngst. En este contexto han surgido sus nuevos cuadros a partir de la yuxtaposición y superposición de un sinfín de vigorosas pinceladas rectilíneas de aproximadamente la misma longitud: una técnica minuciosa que ha venido desarrollando en los dos últimos años. Con colores intensos y ricos en contrastes crea complejos campos cromáticos y estructuras que en esta nueva etapa modela todavía con más libertad y firmeza que antes. Los colores se mezclan sutilmente, de forma que siempre sale a la luz el rastro de aquellos que han quedado ocultos en las capas inferiores de pintura. Así surgen impresionantes paisajes cromáticos abstractos llenos de contraste a partir de un elaborado sistema de pinceladas individuales alineadas en estelas de movimiento que hacen visible el proceso pictórico. El tamaño máximo de estos formatos viene determinado por el radio de acción abarcado al ejecutar la pincelada. Una vez establecida la composición básica en superficies cromáticas, ésta va adquiriendo poco a poco estructura por medio de la acumulación de pinceladas individuales. Con un toque impresionista yuxtapone Ursula Jüngst pinceladas y colores, y con una aplicación pastosa de la pintura crea campos cromáticos cambiantes que se repiten cientos y hasta miles de veces. Estos campos los desarrolla armónicamente dentro de una gama de colores que va del amarillo al rojo y del verde al azul o bien contrasta estructuras independientes con un efecto complementario, antítesis claro-oscuro o frío-cálido y valores cromáticos independientes..."



Christoph Schneider, Freiburg im August 2011

Ursula Jüngst, Malerei
Galerie Meier Freiburg
Freiburg, 2010
Zur Malerei von Ursula Jüngst

Ursula Jüngst scheint im letzten Jahr in ihrem Werk so etwas wie eine Schwelle in malerischer Hinsicht überschritten zu haben. Vielleicht war das Sonnenlicht ihrer Wahlheimat Barcelona daran nicht ganz unbeteiligt, entstanden doch die meisten ihrer neuen Bilder unter mediterranem Himmel. Ihre Gemälde sind abstrakt, nur hier und da ist durch Titel, Farbwahl und Bildstruktur Gegenständliches wahrnehmbar. Intuitiv bringt sie ihre inneren Bilder und Stimmungen auf die Leinwand. Ein Arbeitsprozess, bei dem das Bild für sie fast zu einem gleichwertigen Gegenüber wird, mit dem sie sich geistig, emotional und zugleich körperlich auseinandersetzt. Die Künstlerin vergleicht ihr bildnerisches Vorgehen sehr plastisch mit der Vorstellung eines „Tanzes"1, den sie auf der Bildfläche vollführt. Die so entstehenden „All-over" tragen dann sowohl die Spuren ihrer Bewegung, zeigen aber zugleich auch Erinnerungsbilder, die durchaus auch ein Reflex auf ihre Umgebung - die Landschaft und das Meer um Barcelona - sind. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass den strukturellen Anlagen ihrer Bilder noch etwas vom Malen „nach der Natur" anhaftet und sie zwischen gegenständlicher und gegenstandloser Abstraktion oszillieren. Sie bestechen vor allem durch immense Farbkontraste.

Ihre neuen Bilder erscheinen klarer als frühere, in denen sie in fast altmeisterlicher Manier in der aufgetragenen Farbe mit dünnerem Pinsel wirkte. Fast impressionistisch setzt sie jetzt Farbe neben Farbe, was die Arbeiten in materieller wie visueller Hinsicht strukturiert. Auch das Eigenlicht der Farben tritt so deutlicher zutage, wenngleich die früheren Gemälde wie „Dornbusch" oder „Sternengeburt" bereits eine fast übersteigerte Leuchtkraft entwickelten. Zeugten die alten Arbeiten von stärkerer malerischer Beherrschung im doppelten Wortsinn, setzt sich Ursula Jüngst jetzt freier und konkreter mit dem Gegenstand der Farbe auseinander. Energetisch und flink setzt sie mit breitem Pinsel unabhängige Farbwerte wie musikalische Akkorde auf die Leinwand und strukturiert auch die Bildfläche in deutliche Farbbereiche. Pastos arbeitet sie von Hell nach Dunkel, und zwar so, dass sich die Farben mit den zuvor aufgetragenen nur sehr subtil mischen, wodurch beide ihre Luzidität behalten und nicht vergrauen. Farbinseln, -streifen oder -keile breiten sich vibrierend über die Leinwand aus, die sich teils im Komplementärkontrast gegenseitig widerstreiten oder harmonisch annähern.

Besonders deutlich wird dies im Bild „Elia" (S.5) von 2009. Ein energiegeladener Farbkeil strebt rechts unterhalb der Bildmitte, sich von hell leuchtendem Gelb zu brennendem Orange steigernd, ins obere Bilddrittel, das von ihm fast gänzlich eingenommen wird. Rechts und links wird er von kühlen, schattenhaften Farbflächen in Blau und Grün gefasst, die den brennenden Keil mit fransenden Ausläufern organisch rahmen. Beide Farbflächen streben und fliehen zugleich zu- und voneinander, versuchen sich zu halten oder ineinander einzudringen.
Beinahe diametral verhält sich, obwohl strukturell ähnlich angelegt, das Diptychon „Geburtstag" (S.16) und „Fest" (S.17), beide von 2009. Hier drängen zwei aufgeregt flirrende Farbflächen aus gelben, rotorangen und grünlichen Strichen auf einen sich von rechts oben im Bild „Geburtstag" beginnenden und nach links unter die Bildmitte von „Fest" hin abfallenden, tiefblauen Farbkeil. Das Blau wird geradezu bestürmt und tritt trotz der spannungsreichen, dynamischen Form des Keils zurückhaltend in den Bildhintergrund.
Auch im Bild „Orangenbaum" (S.11) von 2009 finden wir eine ähnliche Formation. Leuchtende, spitz vordringende Polygone drängen vom rechten Bildrand in eine lebendig strukturierte grünblaue Fläche, die im Grenzbereich zum einströmenden Orange hin blauviolett changiert.

Kontraste und Lichtwirkungen scheinen ein essentielles Anliegen der in Nürnberg und Spanien lebenden Künstlerin zu sein. In immer neuen Bildfindungen werden sie bis an ihre Grenzen ausgelotet. Ihre „Bilder entstehen ohne festgelegtes Konzept", vielmehr durch einen „Dialog mit dem Bild".2 Jener scheint so heftig geführt zu werden, dass die Bildoberfläche zu flimmern beginnt. Der Betrachter wird dadurch nahezu überreizt vom entgegendrängenden Überangebot an farbiger Illumination. Vielleicht ist auch die Fülle der simultan anklingenden, sich überlagernden Bildinhalte oder -stimmungen der Auslöser für dieses Farbrauschen. Ein Effekt jedenfalls, den man heute eher von anderen Medien, nicht aber vom beinahe als anachronistisch angesehenen Medium des Tafelbildes her kennt. Die Vielsichtigkeit der Arbeiten von Ursula Jüngst, die mit jedem Blick neue Sehangebote zwischen Betrachter und Leinwand evozieren - was auch durch die Ambivalenz von haptischer Präsenz und visueller Wirkung der Farben intensiviert wird -, wirkt kurzweilig wie beharrlich zugleich.

Wiewohl die Künstlerin spontan aus sich heraus zu malen scheint, verweisen die Titel und vereinzelten, vage gehaltenen Bildgegenstände auf romantische Thematiken. Dass sie malerische Traditionslinien nicht verneint, ist offensichtlich. Ihre jüngeren Arbeiten aber zeugen von einer bedachteren Auseinandersetzung damit. Seestücke etwa, wie „gestreicheltes Meer" (S.10), zeigen zwar einen Ausschnitt empfundener Weite. Doch selbst die schiere Größe des Formats reicht nicht, den Blick nur auf der über dem Keilrahmen gespannten Leinwand wandern zu lassen, vielmehr will er immer noch darüber hinaus. Zwar ist es weniger der Schauder des Erhabenen, der ihre Werke in romantische Tradition stellt, eher ist es die unüberbrückbare Sehnsucht nach Grenzüberschreitung und Erweiterung ins Endlose. Gerade die neuen Arbeiten vermögen dieses ambivalente Verlangen zu illustrieren. So zieht die materielle wie haptische Präsenz der Farbe den Betrachter in fast greifbare Nähe zur Leinwand, während die Bildwirkung in ihrer Gesamtheit und Strahlkraft dadurch fast aus dem Blick zu geraten scheint. Beim Betrachten des Gesamtbildes wiederum wird die evozierte Dynamik der Grenzüberschreitung zum Unendlichen hin mit der Konzentration auf den plastischen Pinselstich kontrastiert, den man en detail in Augenschein nehmen möchte. Mit dem klaren Aufzeigen der Unüberwindlichkeit dieser Dichotomie lösen sich viele ihrer neuen Bildfindungen von der ausgelebten Faszination „die zweidimensionale Fläche in einen dreidimensionalen, emotionalen Tiefenraum zu öffnen"3. Sie scheinen jetzt dieses Paradox auch gestisch-rational zu reflektieren.

Sören Schmeling


1 Ursula Jüngst im Gespräch mit dem Autor
2 Ursula Jüngst in: Ursula Jüngst. Sternengeburt - Malerei. Ausstellungskatalog. Nürnberg 2008. S.10
3 ebd. S.11
Sternengeburt
Sternengeburt, 2008
ISBN 978-3-00-026046-9
Sternengeburt

"Bei der Betrachtung der neuen Gemälde von Ursula Jüngst aus den Jahren 2007 und 2008 trifft man auf einen wahren Farbrausch. Die Farbe ist und bleibt die Impulsquelle der Malerin. Noch deutlicher als im bisherigen Oeuvre tritt in den jüngsten Werken eine Intensivierung der Farbigkeit auf.
Neben dem Farbenreichtum ist der Duktus der Malerin ein maßgebliches, tonangebendes Instrument. Verglichen mit den Werken der vergangenen Jahre hat sich der Duktus verkürzt, zeigt sich prägnanter und steigert durch seine strudelartigen Bewegungsspuren das energiegeladene Kolorit. Der Pinselstrich ist unmittelbar, er dynamisiert die Bildfläche, er ordnet, genauso wie er gleichzeitig ein System in Frage stellt..."


"La contemplación de los nuevos cuadros de Ursula Jüngst, realizados entre los años 2007 y 2008, supone una auténtica embriaguez de colores. El color siempre ha sido, y continúa siendo, la fuente impulso que mueve a la pintora. En sus últimas obras, el color adquiere aún más intensidad que en las precedentes.
Junto a la riqueza de colores, el otro elemento decisivo que marca su obra es el trazo personal de la pintora. En comparación con sus cuadros de años anteriores, su trazo se ha reducido adquiriendo así mayor fuerza expresiva y aumentando el colorido cargado de energía gracias a la estela arremolinada que deja tras sí. La pincelada directa dinamiza el lienzo ordenando un sistema que al mismo tiempo cuestiona..."


"Looking at the new paintings by Ursula Jüngst from the years of 2007 and 2008, one experiences a true flush of colors. Color is and remains a source of impulse of the paintress. More obvious than in her oeuvre to date, her latest works display an intensification of chromaticity.
Together with this richness of colors, the paintress' flow is the decisive and dominant tool. Compared to the works in the past years, the flow is shorter, more pronounced and enhancing the energetic coloring through its swirl-like traces. The stroke of the brush is instantaneous, dynamising the image area. It structures but simultaneously challenges any system..."



Barbara Leicht M.A., Kuratorin Kunstmuseum Erlangen
Ursula Jüngst, Malerei
Galerie Meier Freiburg
Freiburg, 2008
Malerei und Zeichnungen
Malerei und
Zeichnungen, 2006
Malerei und Zeichnungen

„Die sehfähige Qualität heißt Farbe", schreibt der Philosoph und Theologe Johann Amos Comenius (1592-1670) in seiner Farbenlehre, und er fährt fort: „Farbe ist das in verschiedener Weise auf der Oberfläche der Körper aufgefangene und durch die entgegengesetzte Dunkelheit abgemischte Licht, wie Weiß, Schwarz, Grün etc."
Was aber macht Farbe eigentlich so wirkungsstark, eindrücklich erlebbar und bedeutungsvoll? Diese grundsätzliche Frage verdient gewiss viele Antworten, die vor allem kunstwissenschaftlicher, psychologischer, soziologischer und farbtechnischer Art sein werden. Wesentliche Antworten zu diesem Thema kommen ebenfalls aus der Kunst, von den Künstlern und ihrer Praxis und insbesondere aus der Malerei und im künstlerisch-praktischen Forschen über die Farben.
Farbe und Farbwirkung, das ist mehr als der flächige Farbauftrag, die Bewegung von Farbwellen oder optische Lichtwirkungen. Farbe ist vor allem ein zentrales Wirkungsmittel im geistigen Prozess des Sehens und der Erkenntnis und insofern bildet sie eine Basis für unser Welt- und Wirklichkeitsverständnis.
Paul Klee hat als Bauhauslehrer in seiner Farblehre auf die „Tätigkeit" der Farbe hingewiesen. Farben sind demnach aktive Medien in einem Kommunikationsprozess, sie sind universal und durch nichts zu ersetzen.



Peter Funken
blick-hindurch-blick
blick-hindurch-blick

Offene Kirche St. Klara
Nürnberg, 2004
blick-hindurch-blick

„blick-hindurch-blick"... die drei Titelwörter unserer Ausstellung können verschiedene Kombinationen eingehen. Liest man das erste „blick" als Imperativ, entsteht mit dem folgenden „hindurch" ein Appell, eine Einladung: „Blick hindurch!" Beginnt man in der Mitte und hängt das letzte Wort an, kommt „Hindurchblick" heraus. Wer will, mag „hindurch" als Zentrum nehmen, das von einem doppelten „blick" gesäumt ist.

Der verrätselte Titel weist hin auf eine Begegnung von Kunst und Kirche, wie sie in der Reihe „Kunst im Chor" in der Offenen Kirche St. Klara seit Jahren gepflegt wird. Kunst und Religion sind Geschwister, eigenständig und doch aufeinander verwiesen. Malkunst, wie sie Ursula Jüngst betreibt, bewegt sich wie auf dem Schwebebalken: Da tanzen und leuchten die Farben und gleichzeitig blitzt Tiefe und Weite auf. Es öffnet sich ein Raum, der über die fassbare Form hinausgeht – zumindest für Augen, die schauen und „hindurchsehen" können.

Christlicher Glaube ist ebenfalls eine lebendige Schwebe zwischen „sichtbar" und „unsichtbar". Das Auge war dem Rabbi aus Nazareth „das Licht des Leibes". Die Welt lag vor ihm wie ein lebendiges Gleichnis für den unfassbaren Gott. Hinter und in allem sah er seinen Vater am Werk. „Hindurchblick" auf den Grund der Wirklichkeit erleuchtet auch heute die Augen des Glaubenden. Bei all dem ist und bleibt Gott Geheimnis, über allen Bildern erhaben. Glaube ist ein lichtes Dunkel.
Lassen Sie die Bilder und Installationen von Ursula Jüngst in und vor einem Raum des Glaubens zu sich sprechen: den Hiob auf einem blauen Podest – das blaue Portal, durch das man nicht eintreten, das jedoch einen inneren Raum wachrufen kann – die blauen Portraits neben dem Relief der Caritas Pirckheimer im Innenhof – schließlich das zentrale Bild über dem Hochaltar, das wie ein Vorhang vor dem Allerheiligsten hängt – das schmale aufrechte Gemälde im Chor und die waagrechte Entsprechung unter der Kreuzigungsgruppe.

Der Kunst und dem Glauben geht es um den Mehrwert des Sehens. Wenn Sie mehr zu Sich selbst und ein wenig mehr über Sich hinaus verlockt worden sind, dann hat unsere Ausstellung ihren Sinn erfüllt.


Karl Kern SJ,
Leiter der Offenen Kirche St. Klara
Vulkangeflüster
Vulkangeflüster

Dresdner Bank
Nürnberg, 2003
Vulkangeflüster

.... durch tagedicke Dornenmauern, in Nebelländern, unter Sternen, die noch niemand sah, umloht von jähen, zischend, wirbelnd, glühend giftgelbfegenden, heulsausenden, kehldörrenden, hautsengenden Sandstürmen, in weiten, toten, verlassen, verschwunden, vergessen, traurig, trostlos zerfallenden, zersinkenden, zerbröckelnden Ruinenstätten, zwischen zerfallenden, zersinkenden, flammentuckenden Feuerbergen, sich rasend, sich blitzschnell, sich talwärts rollenden, wälzenden, tollenden, sprühglutenden, sprühblutenden, sprühflutenden, Verderben, Veräscherung, Vernichtung drohenden Lavaströmen und unergründlichen, regungslosen, wie stygisch düsteren, springgeysiregespeisten, basaltwallringigen Kraterseen, durch irre, wirre, faltig rissige, spaltig splissige, unheimlich zerklüftete, halsbrecherisch zerschlüftete, tückisch, täuschend, trügend schneebogenbrückige Gletscherzickzacklabyrinthe, wilde Höhlen und wüstes Gestein, über nachtschwarze, klaffende, gähnende, stürzende, bodenlose, pestatemhauchende, dunstdampfbrodelnde Abschründe und Abschlünde hinweg, an öden, bleichen, kahlen, grandigen, felsschroffwandigen, mitternächtigen, malstromrandigen, brandungüberbrüllten, vogelalküberschrillten, klippenspitznadelstarrenden, schauerigen, menschengebeinübersäten Gestaden, auf allen Meeren, auf allen Flutwassern, auf allen Ozeanen suchte ich... FARBE FARBTRAUM TRAUMFARBE TRAUM ... etwas zerreist, ist schon abgebrochen, hat sich neu geformt, Weltenechsen greifen ein, lila Licht von irgendwoher. Rosa und Orange blinzeln mir zu, Cyan lächelt, Indigo bringt mich zum Stolpern, ich falle in Violett. Entlang an Ocker und Gelb versuche ich mich an Wolkentieren zu halten ... ICH SCHAUE! ICH SEHE! ... Die Angreifer transportierten Raketenwerfer auf Eselskarren. Die Karren dienten als Abschussrampe. Acht Geschosse trafen. .... Gehirnspiel?...Wachtraum?...Rückerinnerung?... TRÄUME SIND REALITÄT! Die Leinwand schwingt leicht bei der Berührung des Pinsels. Ein Sog. Nichts ist starr. Alles ist in Bewegung. Scheint zu bersten. Ein Absprung aus höchster Höhe. Ich falle. Der Pinsel hinterlässt seine Spuren. Eine Farbe fordert die nächste. Farbschicht auf Farbschicht verdichtet sich. Makro- und Mikrokosmos tanzen miteinander...


(Auszug aus der Performance: „Tagträume – Nachträume" unter Verwendung von Texten von A Holz, Ch. Morgenstern, J. Eichendorff, G. Belli, E. Heller, U. Jüngst u.a.)
mirA
Galerie Schloß Borbeck

Essen, 2003
Dialoge


„Der Maler der Zukunft, das ist ein farbiger, wie es ihn noch nie gab".
Als Vincent van Gogh dieses an seinen Bruder Theo schrieb wurde ihm klar, daß es die Farbe sein würde, die künftig in der Malerei eine herausragende Rolle spielen würde. Die Entwicklung der Kunst, insbesondere nach 1900, hat seine Vision bestätigt.

Auch für Ursula Jüngst ist die Farbe von geradezu vitaler Bedeutung. Ihre Entwicklung dahin verlief nicht immer reibungslos, zumal die Konzeptionalisten der Nürnberger Kunstakademie ihr eher verständnislos über die Schulter blickten. Doch durch das Studium in Barcelona, vor allem die Wahrnehmung von Landschaft und Farbe unter dem Einfluß des südlichen Lichts hatte sie ihren Weg gefunden. Ihre längeren Arbeitsaufenthalte in Barcelona sind für ihre Arbeit wichtige visuelle Stimulans.

Die Ausdruckskraft ihrer Bilder lassen zwar Einflüsse der Expressionisten und Surrealisten erkennen – und doch gelingt es ihr, zu ganz neuen, unkonventionellen Bildlösungen zu gelangen. Die Vielschichtigkeit ihres malerischen Werks, geprägt von mehreren Entwicklungssträngen, verbietet daher eine eindeutige Zuordnung.
Da sind zunächst die Gemälde, die vor Farbe förmlich explodieren. Das Auge des Betrachters ist ständig herausgefordert, Neues zu entdecken.
Dynamik und Unmittelbarkeit werden im unruhigen, oftmals mehrfach übereinandergesetzten, dicken Pinselduktus deutlich, dann eröffnen sich wieder feinste Binnenstrukturen auf nur teilweise überlagerten Farbschichten - monochrome Farbflächen zwischendrin scheinen als Ruhepole das Bildgefüge zu stabilisieren.

Die Wahrnehmung ihrer Gemälde geht Hand in Hand mit der Assoziation eigener Bilder und Erfahrungen. Ihre Bildformen sind nicht figurativ, dennoch erinnern sie teilweise an Biomorphes, an kosmische Gebilde, an Erscheinungen der Natur.

Ursula Jüngst Prozeß künstlerischer Bildfindung erfolgt nicht unmittelbar aus der Wiedergabe von Wahrgenommenem, sondern über das Abrufen innerer, quasi sedimentierter Bilder, die sie mittels einer Art „écriture automatique" auf der Leinwand entwickelt, einer Methode, derer sich bereits die Surrealisten bedienten.
Ihre Bildlösungen sind jedoch keineswegs epigonenhaft. Neu ist die Frische und Ursprünglichkeit ihrer Farben und Formschöpfungen, die wie eine musikalische Komposition eine Bewegtheit aus unterschiedlichsten Klängen und Rhythmen ergeben.
Die Arbeiten, die zwischen 1996 und 1999 entstanden sind, erinnern mitunter an die ursprüngliche Farbigkeit volkstümlicher Bildteppiche oder an den überbordenden sinnlichen Reichtum orientalischer Basare.

Der Betrachter kann aus dem offenen vielschichtigen Formengefüge Erfahrungen, Mythen aus dem Unbewußten assoziieren, ein Vorgang, den Ursula Jüngst als „Archäologie des Unbewußten" bezeichnet.

Ihre Arbeiten erschließen sich dem Betrachter jenseits rationaler und analysierender Erklärungen, „durch unsere Fähigkeit zur lebhaften Erinnerung an die unbefangene Erlebnisdichte der Vorstellungskraft, mit der wir als Kinder begabt waren. In unserer Kindheit besaßen wir ein magisches Bewußtsein, und der magische Teil unseres Bewußtseins ist es, den die Kunst letztlich in uns anspricht."

Insbesondere in einer Zeit medialer Bildüberflutung, in der es weniger um die intensivere Auseinandersetzung mit dem einzelnen Bild geht, stellen die Arbeiten von Ursula Jüngst eine Herausforderung dar. Durch die Wahrnehmung ihrer Bilder, aus der heraus Dialoge entstehen ist es möglich, verschüttete Erfahrungen wieder lebendig werden zu lassen und Dimensionen des „inneren Kindes" wachzurufen.

Die Streifzüge der Künstlerin durch innere Erlebniswelten dokumentieren ihre ungewöhnlichen Bildtitel wie auch ihre eigenen, poetisch anmutenden Texte zum künstlerischen Entstehungsprozeß. So schrieb sie zu dem Bild „Patke Patke" (2002): „... Ein kleiner Ausschnitt einer Wiese. Erst ist da nur Grün, dann entdecke ich quirliges Leben. Tiere, Tierchen, Gesichter, Augen, verschiedene Farben, Licht und Schatten. Die Leinwand schwingt leicht bei der Berührung des Pinsels. Ein Sog. Nichts ist starr ...".

Neben den Arbeiten, die eine Vielzahl an Form- und Farbstrukturen aufweisen, gibt es Gemälde, die vorwiegend monochrom und mit kräftigem Pinselstrich gefertigt sind. Die Arbeiten „Busco" (1997) und „Ali" (1997) markieren bereits diese andere Entwicklungslinie; die Komposition scheint sich aus der Bildmitte zu entwickeln.
Neuere Arbeiten wie „Pana Napa" (2002) und „Patke Patke" (2002) sind malerisch feingliedriger angelegt. Die nach außen drängelnden, züngelnden Liniengebilde erinnern an Prozesse des Wachstums, der steten Veränderung.
„Alles ist in Bewegung. Scheint zu Bersten ... Wege, Berge, Täler, Landschaften wachsen. Farbschicht auf Farbschicht verdichtet sich das Bild immer mehr zu einer komplexen Welt, in der Makro- und Mikrokosmos sich gleichsam zu Einem verweben."

Der Bildzyklus AZULEN, der 1999 in Spanien entstanden ist, bildet eine gesonderte Werkreihe. Statt der quirligen Ausdruckskraft der Gemälde, die an Farbtänze erinnern, dominiert hier eine eher verhaltene Bildwirkung. Gleichmäßig aufgetragene Farblasuren lassen Farbräume entstehen. Das schmale Hochformat der Arbeiten bewirkt Strenge und Konzentration.

Der Name AZULEN ist vom spanischen ‚azul'= blau abgeleitet. Auch das Wort ‚azulejos' liegt nahe, das die Wandfliesen bezeichnet, die von den Mauren seit dem 14. Jahrhundert in Spanien und Portugal verbreitet wurden.
Blau bestimmt zwar den Farbklang dieser Werkreihe, hier und da blitzt jedoch ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hervor, das die Wirkung des Grundtons noch steigert. In fast allen Arbeiten ist senkrecht ein monochromer Farbstreifen angelegt, der sich entweder als schmaler heller Lichtstrahl oder auch als sich verbreiternder Farbstrom Blau durch das Bild zieht.


Die Farbe Blau bestimmt ganz wesentlich die besondere Wirkungskraft der AZULEN. Goethe hat sie in ihrer „sinnlich-sittlichen" Wirkung als „fliehend" bezeichnet; für Kandinsky war sie eine „Vertiefungsfarbe", die den Menschen ins Unendliche ruft. Blau mag Bereiche des Kosmischen ansprechen. Der ruhige, gleichmäßige Farbauftrag der AZULEN unterstreicht dabei die Bildwahrnehmung, die auch als Zuwendung zum eigenen Inneren, als Suche nach dem „Ideal der Einheit" jenseits irdischer Dimensionen interpretiert werden kann.

Das Essener Ausstellungsprojekt in der Galerie im Schloß Borbeck und in der Marktkirche Essen möchte somit auf die verschiedenen Werkaspekte Ursula Jüngsts verweisen. Während die Galerie einen Querschnitt der vor Farben überströmenden Arbeiten sowie eine Auswahl der Zeichnungen zeigt, wird in der Marktkirche eine Installation aus der Reihe der AZULEN im Altarbereich präsentiert.

Die beiden Ausstellungsorte stellen nicht nur künstlerisch, sondern auch historisch eine interessante Verbindungslinie her. Die Gründerin der vormaligen „Gertrudiskapelle" im 11. Jahrhundert war Theophanu, Äbtissin des bedeutenden Essener Frauenstifts. Seit dem 14. Jahrhundert, als sich die Stadt zunehmend zur Bürgergemeinde mit Stadtrecht und Selbstverwaltung etabliert - wofür die Marktkirche auch symbolisch steht - wird die Residenz der Fürstäbtissinnen vom Kern des Ackerbürgerstädtchens zum Schloß Borbeck verlegt.

Die Installation der meditativ wirkenden Stelen stellt zudem einen interessanten Dialog zwischen Architektur und Kunst her. Sie verweist somit auf die Pläne der bevorstehenden Neugestaltung des Kircheninnenraums, der im Entwurf als blauer Glaskubus vorgesehen ist, welcher sich im Hauptschiff von Osten nach Westen bis in den Außenbereich erstrecken soll.

Das Verbindungsglied beider Präsentationsorte liegt jedoch vor allem in dem Werk selbst begründet, das trotz der Vielfalt einen gemeinsamen Nenner hat: Nicht nur der künstlerische Entstehungsprozeß, sondern auch die suggestive Wirkungskraft der Bilder Ursula Jüngsts werfen existentielle Fragen auf: „Zu malen heißt für mich ... nachzudenken über die Welt, ins Bewußtsein zu holen, Schöpfung immer wieder neu zu erinnern ..." und „... zu malen ist auch unterwegs zu sein, mich auszusetzen, zu suchen. Nichts ist starr, ich habe keine endgültigen Antworten."


Inge Ludescher, 2003

Nuni Nuni
Nuni Nuni

Fundació Caixa Vinaròs
Exposició 2003
Paisajes en el alma
Paisajes en el alma

Sebastià Juan Arbó
Exposició 2001
Die Azulen
Die Azulen, 2000


Die Azulen

...In der zweiten großen Werkgruppe, den «Azulen», denen sich der vor-liegende Katalog widmet, versucht die Künstlerin, diese Assoziationen ganz bewußt weitgehend herauszuhalten. Auf den ersten Blick wirken sie mit ihren relativ monochromen Farbflächen, die durch zwar ebenfalls mehrere, aber doch jeweils dünner übereinander aufgetragene Farbschichten entstehen, sehr viel beruhigter.
Die nähere Betrachtung indessen belehrt eines besseren, denn die zwar monochrom wirkenden großen Farbflächen weisen innerhalb dieses einen Farbtones durch ein reiches Nuancenspiel dessen gesamte Farbvielfalt auf und lassen immer wieder die darunter befindlichen Farbschichten durchklingen, so daß das Auge des Betrachters auf einer wahren Entdeckungsreise durch Farblichträume wandert....



Dr. Cornelia Vagt–Beck,
Kunsthistorikerin
Zeichnungen
Zeichnungen, 2000


Zeichnungen

...Meine Zeichnungen entstehen parallel zu meinen großen Ölbildern.Sie sind eigentlich wie ein «Tagebuch». Im Zeichnen versucheich, spontan auf Eindrücke zu reagieren, Gefühle und Gedanken, die mir selbst noch verhüllt sind, sichtbar zu machen und selbst zu verstehen...



Ursula Jüngst
Archäologie des Unbewußten
Archäologie
des Unbewußten, 2000
ISBN 3-00-006881-3
Archäologie des Unbewußten

...Der Mut mit dem Risiko des Scheiterns kennzeichnet die Arbeit von Ursula Jüngst. Sie setzt sich der Farbe aus, lebt in ihr. Die Bilder ent-wickelt sie ohne festgelegte Konzeption, rein aus dem Vorgang des Malens und dem ständigen Dialog mit den Farben. In diesem Prozeß entstehen, geboren aus den sich überlagernden Farben und dem Pinselductus, rätselhafte Formen, scheinbar greifbar und sich dennoch der Eindeutigkeit entziehend, Wolkenbildern vergleichbar ...Offensichtlich geht eine Kraft von den Bildern aus, die in der Intensität und der Spannweite der Farben begründet ist, von mediterraner Helligkeit bis zum düsteren Todestunnel. Viele Betrachter scheinen in der Ästhetik der Bilder von Ursula Jüngst eine Ahnung zu gewinnen der von «Archäologie des Unbewußten» in ihrer tiefenpsychologischen, metaphysischen, religiösen Dimension. Die Begegnung mit den Bildern spricht im ästhetischen Erleben existentielle Räume in uns an. Die Arbeiten von Ursula Jüngst unter-scheiden sich insofern wohltuend von gegenwärtigen Strömungen post-strukturaler Beliebigkeit. Sie zeigen auch, daß die Möglichkeit von Farbe und Malerei, gegenwärtig im Kunstbetrieb eher zurückgedrängt zugunsten von ready-mades, Konzeptart, Computeranimationen etc., noch lange nicht ausgeschöpft sind, ja neue Aufbrüche erlauben (vgl. Katalog: Ursula Jüngst «die Azulen»). Sie sind modern, da sie den Menschen in seiner Leere und metaphysischen «Unbehaustheit» ansprechen.



Dr. Karl v. Schmölling